Editorial

Die Ausstellung «Besa» des Holocaust-Museums Yad Vashem in Jerusalem bringt mit neuen und bisher unbekannten Geschichten zwei Volksgruppen zusammen, die aus heutiger Sicht keine Gemeinsamkeiten
zu haben scheinen. Trügt der Schein?

Juden und Albaner sind zwei Minderheiten, die in der Schweiz von sich reden machen. Ausländerfeindlichkeit, mangelnder Integrationswille, Antisemitismus – das sind die Schlagwörter, welche die Debatte um diese Volksgruppen immer wieder durchdringen. Besa zeigt, wie einfache albanische Familien während der Zeit der faschistischen Besatzung im 2. Weltkrieg Juden vor der Vernichtung retteten – indem sie sie versteckten, ernährten und ausser Landes brachten. Albanien, ein europäischer Staat mit einer muslimischen Mehrheitsgesellschaft brachte zuwege, woran andere europäische Staaten scheiterten. Denn nahezu alle nach Albanien geflüchteten Juden wurden dort gerettet. In der Exilforschung wurde das albanische Beispiel bisher kaum beachtet. Eindrucksvolle Bilder des US-amerikanischen Fotografen Norman Gershman dokumentieren berührende Porträts einfacher Menschen, die sich einem zentralen Prinzip des «Kanun» verpflichtet fühlen: «Besa» – das Versprechen, das es zu halten gilt!

 

Aber es gibt Parallelen zum Heute! Besa wird ergänzt durch den ebenfalls weitgehend unbekannten Dankesakt des Staates Israels, der während des Bosnienkrieges mehrere hundert muslimische Bosnier und während des Kosovokrieges eine grosse Anzahl Albaner bei sich aufnahm, ihnen Schutz und Bleiberecht gewährte. Besa wird in verschiedenen Schweizer Städten zu sehen sein. Sie richtet sich an alle. Im Focus stehen auch die Schulen und dort vor allem die zahlreichen kosovarischen/albanischen Jugendlichen, die hier ihre eigene Geschichte des Holocaust erfahren. Sie zeigt, dass Menschlichkeit keine Frage der Religion ist. Die Ausstellung ist ein dringend notwendiges «document humain» in einer Zeit mit vielen gegenseitigen Vorurteilen. Besa ist damit ein Akt der interkulturellen Integration Schweiz-Albanien-Israel.

 

Alain Pichard, Lehrer Biel

 


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